Jean Pierre Zuber
Jean Pierre Zuber

Qualität, Kompetenz und Transparenz sind das Fundament unserer Glaubwürdigkeit

Anlässlich des 40-jährigen Bestehens des VSV: Ein Gespräch mit Jean-Pierre Zuber, der den Verband zwanzig Jahre lang präsidierte, bevor er das Ruder 2017 an Serge Pavoncello übergab. In diesem Interview blickt er auf die Höhepunkte dieser zwei Jahrzehnte zurück.

Sie gelten als eine der prägendsten Persönlichkeiten in der Geschichte des VSV. Könnten Sie uns Ihren Werdegang und die wichtigsten Stationen schildern, die Sie an die Spitze des Verbands geführt haben?

Ich bin im wunderschönen Kanton Wallis geboren, im Herzen einer Region, in der man ganz natürlich zwischen zwei Kulturen aufwächst. Ich wurde auf Deutsch und Französisch unterrichtet, und diese Zweisprachigkeit hat mein Denken und Arbeiten tief geprägt. Die Finanzwelt hat mich schon sehr früh fasziniert. Diese Neugier führte mich nach England, Frankreich und in die USA, wo ich für eine Schweizer Grossbank tätig war.

Nach zwanzig Jahren im Bankwesen spürte ich das Bedürfnis, meine eigenen Wege zu gehen. 1988 gründete ich meine eigene Firma in Zürich. Das war ein entscheidender Wendepunkt: Der Schritt aus den geordneten Strukturen einer Grossbank in die völlige Unabhängigkeit erfordert Mut, aber auch eine klare Vision. Dieser Schritt ermöglichte es mir, meine beruflichen und menschlichen Überzeugungen in die Tat umzusetzen.

Dem VSV trat ich 1993 als Mitglied bei und lernte sehr schnell eine Gemeinschaft kennen, die sich mit grosser Leidenschaft für die Qualität ihrer Arbeit einsetzte. Ich habe mich rasch engagiert, wurde Vorstandsmitglied und erhielt schliesslich die Gelegenheit, für das Präsidium zu kandidieren. Von Anfang an hatte ich eine klare Vision vor Augen: Ich wollte unserem Berufsstand einen soliden, glaubwürdigen und anerkannten Rahmen geben. Mir war damals noch nicht bewusst, dass dies den Status als SRO voraussetzen würde, doch im Laufe der Zeit erwies sich dies als der einzig konsequente Weg, um diese Ambition zu verwirklichen. Meine Wahl war für mich eine Ehre, bedeutete aber auch eine grosse Verantwortung: Es galt, die Arbeit meiner Vorgänger fortzuführen und dem Verband gleichzeitig neue Impulse zu verleihen.

Sie waren von 1997 bis 2017 Präsident des VSV. Welche Prioritäten leiteten den Vorstand und das Team in dieser Zeit?

In diesen zwanzig Jahren erlebte die Vermögensverwaltung einen tiefgreifenden Wandel: die Globalisierung der Finanzmärkte, internationaler Druck, neue Compliance-Standards und die Professionalisierung unseres Berufsstands. Eines der Hauptziele des VSV bestand darin, die unabhängigen Vermögensverwalter (UVV)[1] als eigenständigen und vollwertigen Pfeiler des Schweizer Finanzplatzes zu etablieren. Das bedeutete, professionelle Standards zu entwickeln, die jenen der Banken in nichts nachstehen, ethische Standesregeln einzuführen, die Weiterbildung zu fördern und die institutionelle Sichtbarkeit unserer Branche zu stärken. Der VSV hat schrittweise eine Kultur der Qualität und der Verantwortung verankert, die massgeblich zur Legitimation unseres Berufsstands beigetragen hat.

[1] Die Bezeichnung «unabhängiger Vermögensverwalter (UVV)» wurde mit Inkrafttreten des FINIG im Jahr 2020 durch den geschützten Titel «Vermögensverwalter» ersetzt.

«Der VSV hat schrittweise eine Kultur der Qualität und der Verantwortung verankert, die massgeblich zur Legitimation unseres Berufsstands beigetragen hat.»

Was waren die Hauptaufgaben und Kernaktivitäten des Verbands zu Beginn Ihrer Präsidentschaft?

Schon Ende der 1990er-Jahre spielte der VSV eine Schlüsselrolle bei der Schaffung und Weiterentwicklung von Selbstregulierungsstandards. Unsere Prioritäten lagen auf der Ausarbeitung passender Sorgfaltspflichten für die UVV, der Sicherstellung der Aufsicht und Kontrolle unserer Mitglieder, einer engen Zusammenarbeit mit den Behörden sowie der Antizipation der FATF-Entwicklungen. Wir verfolgten ein doppeltes Ziel: den guten Ruf des Finanzplatzes zu schützen und gleichzeitig unverhältnismässige Regulierungen zu verhindern.

1997 litt die unabhängige Vermögensverwaltung noch unter mangelnd harmonisierten Praktiken und einem Defizit an institutioneller Anerkennung. Das Inkrafttreten des Geldwäschereigesetzes (GwG) im Jahr 1998 war dann ein entscheidender Wendepunkt.

Vor diesem Hintergrund ergriff der VSV aus eigener Initiative den Schritt, eine SRO zur Überwachung des GwG und der Standesregeln zu gründen. Indem wir unsere Mitglieder nicht nur der obligatorischen GwG-Kontrolle, sondern auch dem eigenen  Standesregeln unterstellten, wollten wir den Berufsstand strukturieren, seine Glaubwürdigkeit stärken und eine Praxis gewährleisten, die internationalen Standards entsprach. Der  Standesregeln definierte die ethischen Prinzipien der Branche, die Sorgfaltspflichten, die Verhaltensregeln gegenüber den Kunden, die organisatorischen Anforderungen sowie die Dokumentations- und Transparenzstandards.

Eine weitere zentrale Aufgabe des VSV war es, unsere Mitglieder bei der Einführung des GwG zu begleiten. Wir entwickelten entsprechende Instrumente, Schulungen und Musterprozesse. Gleichzeitig bauten wir einen konstruktiven Dialog mit den Regulierungsbehörden auf. So wurde der VSV schnell zu einem anerkannten Ansprechpartner, der die Interessen seiner Mitglieder wirksam vertreten und an einem realistischen, kohärenten Regulierungsrahmen mitwirken konnte. All diese Aktivitäten haben massgeblich zur Professionalisierung unserer Branche beigetragen.

Das Verbandsleben blieb zwar wichtig, stand aber nicht mehr an oberster Stelle. Regulatorische Themen rückten zunehmend ins Zentrum, was teilweise zulasten der traditionellen Vereinstätigkeiten ging. Unsere Mitglieder suchten in erster Linie Sicherheit, Klarheit und Stabilität. Diese Gewichtsverlagerung war jedoch weder ein Zufall noch ein Versäumnis, sondern die logische Konsequenz aus der Entwicklung der Branche und dem Auftrag, der dem VSV anvertraut worden war.

Wie verlief die Entwicklung in den darauffolgenden Jahren?

Ab 2008 erlebte die Schweiz eine sehr turbulente Phase: die Finanzkrise, Angriffe auf das Bankgeheimnis, ausländische Steuerforderungen und immer strengere internationale Normen. Der VSV musste die UVV in den Gesetzgebungsverfahren vertreten und den Dialog mit den Behörden suchen, um eine übermässige administrative Belastung abzuwenden. Wir begleiteten unsere Mitglieder beim Übergang in ein transparenteres Umfeld und verteidigten konsequent ein Schweizer Vermögensverwaltungsmodell, das sich auf Qualität und Stabilität stützt.

Diese Jahre waren auch vom Ende des Bankgeheimnisses und der Einführung des Automatischen Informationsaustauschs (AIA) geprägt. Zusammen mit FATCA haben diese Umwälzungen die Beziehung zwischen Vermögensverwaltern und Kunden grundlegend verändert. Die Folgen waren vielfältig: Kunden mussten in einem Umfeld vollständiger Steuertransparenz begleitet werden, bestimmte traditionelle Geschäftsmodelle verschwanden, und es bedurfte einer strategischen Neuausrichtung – weg von der reinen Steueroptimierung, hin zu einer ganzheitlichen Vermögensverwaltung.

Diese Zeit verlangte uns eine enorme strategische Anpassungsfähigkeit ab. In all diesen Jahren bildeten die Standesregeln den verlässlichen Eckpfeiler unseres Berufsstands.

Welche neuen Herausforderungen stellten sich, als Sie das Präsidium übergaben?

Im Jahr 2017 waren die Herausforderungen noch weitaus grösser als 1997 und spiegelten ein Finanzumfeld wider, das deutlich komplexer, transparenter und anspruchsvoller geworden war. Strukturelle Veränderungen zwangen die Vermögensverwalter dazu, ihr Geschäftsmodell zu überdenken. Die steigenden Regulierungskosten in Kombination mit einem schärferen Wettbewerb führten zu einem erheblichen Margendruck. Die Vermögensverwalter sahen sich mit unzähligen Hürden konfrontiert: stetig steigende Compliance-Kosten, preissensiblere Kunden, der Tarifwettbewerb durch Banken, digitale Plattformen und Robo-Advisor sowie die zwingende Notwendigkeit, in teure technologische Tools zu investieren.

Auch die Kunden hatten 2017 nicht mehr dieselben Erwartungen wie 1997. Sie forderten mehr Transparenz, detailliertere Reportings, eine ganzheitliche Sicht auf ihr Vermögen, die Einbeziehung steuerlicher und erbrechtlicher Aspekte sowie eine regelmässigere und strukturiertere Kommunikation. Die Rolle des Vermögensverwalters wandelte sich zu der eines umfassenden Beraters in Vermögensfragen, was weit über die klassische Portfolioverwaltung hinausging.

Die UVV bewegten sich 2017 in einem Umfeld, das sich tiefgreifend gewandelt hatte. Der Beruf, der einst vor allem von Flexibilität und Kundennähe lebte, musste sich nun in ein dichtes Regulierungsgeflecht einfügen, gepaart mit vollständiger Steuertransparenz, beschleunigter Digitalisierung, enormem wirtschaftlichem Druck und gestiegenen Kundenansprüchen. Diese Herausforderungen markierten das Ende einer Ära und den Beginn einer neuen Zeit, in der sich unsere Branche neu erfinden musste, um wettbewerbsfähig und glaubwürdig zu bleiben.

Stellte die Einführung von FIDLEG und FINIG in diesem Kontext einen grossen Umbruch für die Branche dar?

Diese Gesetze brachten eine obligatorische Aufsicht, strengere organisatorische Anforderungen, klare Verhaltensregeln und eine erweiterte Dokumentationspflicht mit sich. Auch die ohnehin schon anspruchsvollen GwG-Vorschriften wurden noch komplexer. Für viele Vermögensverwalter entwickelte sich die Compliance zu einem massgeblichen Kostenfaktor und einer täglichen operativen Herausforderung.

Man könnte meinen, das GwG hätte die grössten Auswirkungen gehabt, doch in Wahrheit haben FIDLEG und FINIG unseren Beruf noch viel tiefergreifend verändert. Es handelte sich um einen echten Paradigmenwechsel, der Beruf des Vermögensverwalters von Grund auf neu definiert hat.

Mit dem Inkrafttreten von FIDLEG und FINIG im Jahr 2020 wurde die Schweizer Regulierungslandschaft völlig neu geordnet. Für die Vermögensverwalter bedeutete dies auch das Ende des bisherigen  Standesregeln, da die vom VSV einst definierten Regeln nun in die Gesetzgebung überführt wurden.

Welche Herausforderungen sind Ihrer Meinung nach heute noch aktuell?

Zwanzig bis dreissig Jahre nach den ersten grossen Herausforderungen für die Vermögensverwalter sind viele Themen aktueller denn je. Durch die jüngsten Entwicklungen – seien sie technologischer, wirtschaftlicher oder gesellschaftlicher Natur – sind aus diesen Herausforderungen jedoch weitaus komplexere Fragestellungen herangewachsen.

Der regulatorische Druck, der schon 1997 mit dem GwG präsent war und 2020 durch FIDLEG und FINIG seinen vorläufigen Höhepunkt fand, bleibt eine enorme Hürde. Hinzu kommt eine Vielzahl internationaler Standards (MiFID II, ESG, europäische Taxonomie, FATF). Die Compliance hat sich von einer simplen administrativen Aufgabe zu einer tragenden strukturellen Säule unseres Berufs entwickelt.

Die Digitalisierung, die bereits 2017 ein grosses Thema war, ist heute absolut unverzichtbar. Sie betrifft das Portfoliomanagement, die Kundenbeziehung, die Cybersicherheit, die automatisierte Compliance (RegTech), die Datenanalyse und künstliche Intelligenz. Wer wettbewerbsfähig bleiben will, muss kontinuierlich investieren. Das Geschäftsmodell muss sich zwingend weiterentwickeln: Was automatisiert werden kann, muss automatisiert werden; gleichzeitig muss der Mehrwert der persönlichen Beratung gestärkt und die Gebührenstruktur entsprechend angepasst werden.

Auch die Anpassung an die sogenannte «NextGen» ist eine grosse Aufgabe. Diese neue Generation erwartet eine digitalere, transparentere und interaktivere Beziehung. Das zwingt die Vermögensverwalter, ihre Werkzeuge, ihre Kommunikation und teils sogar ihre eigene Haltung zu überdenken. Das persönliche Vertrauensverhältnis bleibt zwar das Herzstück, muss sich heute aber auf modernste Instrumente stützen. Der Vermögensverwalter von heute ist ein ganzheitlicher Partner und nicht mehr nur ein reiner Portfoliomanager.

Die vielleicht grösste Herausforderung bleibt die Unternehmensnachfolge. Unsere Branche wird älter, die regulatorischen Anforderungen haben Firmenübernahmen stark verkompliziert, und die NextGen kann sich nicht immer für das klassische Modell begeistern. Das Fortbestehen der Unternehmen wird davon abhängen, wie gut sie in der Lage sind, sich zu strukturieren, vorausschauend zu planen und der nächsten Generation ein wirklich attraktives Projekt anzubieten.

«Der Vermögensverwalter von heute ist ein ganzheitlicher Partner und nicht mehr nur ein reiner Portfoliomanager.»

Während Ihrer Präsidentschaft haben Sie mehrere Jubiläen gefeiert. Welche Erinnerungen verbinden Sie damit?

Die Jubiläen haben in meiner Zeit als Präsident stets einen ganz besonderen Stellenwert eingenommen. Jedes dieser Feste war eine willkommene Gelegenheit, innezuhalten und zu sehen, wie stark sich der VSV weiterentwickelt hat. Wenn ich an das 15-, 20- oder 25-jährige Bestehen des Verbands zurückdenke, sehe ich eine Organisation vor mir, die quasi aus dem Nichts entstanden ist und es geschafft hat, sich als glaubwürdiger, bestens strukturierter Akteur auf dem Schweizer Finanzplatz zu etablieren. Diese Feiern haben uns immer wieder daran erinnert, wo unsere Wurzeln liegen und was wir alle gemeinsam aufgebaut haben.

Solche Jubiläen waren natürlich ein schöner Anlass zum Zusammenkommen, aber sie boten vor allem den Rahmen, um die oft im Hintergrund geleistete, jedoch essenzielle Arbeit des Vorstands, des Teams und unserer Mitglieder ins Rampenlicht zu rücken. Wir konnten all jenen Frauen und Männern unseren Dank aussprechen, die den VSV – gerade auch in schwierigen Zeiten und während grosser regulatorischer Umwälzungen – wachsen und gedeihen liessen.

Welche Botschaft möchten Sie den Vermögensverwaltern anlässlich dieses neuen Jubiläums zum Schluss mit auf den Weg geben?

Zu diesem Jubiläum möchte ich den Vermögensverwaltern vor allem eine Botschaft des Vertrauens und der tiefen Anerkennung übermitteln. Unser Berufsstand hat weitreichende und oft sehr anspruchsvolle Transformationen durchlebt. Dennoch hat er es immer wieder verstanden, sich anzupassen, gestärkt aus den Herausforderungen hervorzugehen und dabei seinen Grundwerten treu zu bleiben: der gelebten Kundennähe, der Unabhängigkeit im Denken und der persönlichen Verantwortung.

In einem Umfeld, das zunehmend von Regulierung und Technologie geprägt ist, dürfen wir niemals aus den Augen verlieren, was die eigentliche Stärke unseres Berufsstandes ausmacht: die zwischenmenschliche Beziehung, das feine Gespür für die Bedürfnisse unserer Kunden und die Fähigkeit, Familien und Unternehmer über viele Jahre hinweg partnerschaftlich zu begleiten.

Die Anforderungen werden sich stetig weiterentwickeln, und das ist auch gut so. Qualität, Kompetenz und Transparenz bilden heute mehr denn je das Fundament unserer Glaubwürdigkeit.

Die Geschichte des VSV beweist, dass wir gemeinsam am meisten erreichen. Die vor uns liegenden Herausforderungen dürfen uns nicht auseinanderdriften lassen, sondern müssen im Gegenteil unsere Solidarität noch weiter stärken. Der Verband spielt eine unersetzliche Rolle bei der Vertretung unserer Branche, doch er kann dies nur mit der aktiven und tatkräftigen Unterstützung seiner Mitglieder tun.

Dieses Jubiläum ist weit mehr als nur ein runder Geburtstag. Es ist der lebendige Beweis dafür, dass sich unser Berufsstand kontinuierlich weiterentwickeln und neu strukturieren kann. Die Zukunft bleibt vielversprechend für all jene, die es verstehen, Expertise, Unabhängigkeit und echten Servicegedanken miteinander zu verbinden.

«Unser Berufsstand hat weitreichende und oft sehr anspruchsvolle Transformationen durchlebt. Dennoch hat er es immer wieder verstanden, sich anzupassen, gestärkt aus den Herausforderungen hervorzugehen und dabei seinen Grundwerten treu zu bleiben.»